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Leipziger Ausgabe der Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy.


Kleinere Bühnenwerke. Leipziger Ausgabe der Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy, Serie V, Band 11


Herausgegeben von Ralf Wehner, Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2015, XLV + 262 Seiten, 11 Abbildungen, Festeinband


Der vorliegende Gesamtausgabenband enthält alle einem musikdramatischen Genre zuzurechnenden Werke Felix Mendelssohn Bartholdys mit Ausnahme der Singspiele seiner Kinder- und Jugendzeit, des Opernfragmentes Lorelei MWV L 7 und der großen Schauspielmusiken der 1840er Jahre, die für den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. komponiert wurden. Zusätzlich werden Arrangements einzelner Sätze mitgeteilt. Der Terminus ›Bühnenwerke‹ ist etwas weiter gefasst, da nicht in jedem Falle eine szenische Umsetzung belegt ist beziehungsweise sich die Texte oder die Stücke dazu in Grenzbereichen zwischen einer konzertanten Aufführung und einer Bühnenaufführung bewegen. Zudem handelt es sich um Werke, die in Besetzung, Charakter und Umfang höchst unterschiedlich sind. Die ›Bühne‹ für die ersten Werke bildete der Salon der Mendelssohns, in dem regelmäßig kleinere Stücke szenisch oder halbszenisch aufgeführt wurden: zu Weihnachtsfesten, Geburtstagen und zu anderen familiären Anlässen. Der Knabe Felix Mendelssohn wuchs in diese Atmosphäre hinein, erlebte die Festivitäten und war bald bemüht, sich mit eigenen Beiträgen daran zu beteiligen. Der vorliegende Band enthält mehrere Fragmente aus der Kinderzeit, einen 1833 gedruckten Beitrag für ein Festspiel des Berliner Dichters Gustav Julius (1810–1851), vier Schauspielmusiken für die Düsseldorfer Bühne aus den Jahren 1833 bis 1835 und eine Gelegen­heitskomposition für das Leipziger Theater in Form einer aus einer großen ­Ouvertüre und einem Frauenchor bestehenden Musik zu Ruy Blas MWV M 11 
(1839). 


Eröffnet wurde die Werkgruppe im März 1820 mit der Vertonung eines Textes einer französischen ›Comédie pastorale‹. Es handelte sich um Blanche et Vermeille des damals bekannten und erfolgreichen Dichters Jean-Pierre Claris de Florian (1755–1794). Nur wenige Wochen später entstand ein Lustspiel in 
3 Scenen. Die Handlung spielt im Bankhaus der Mendelssohn-Familie. Tragende Figuren sind Vater und Onkel des Komponisten, nämlich Abraham und Joseph Mendelssohn. Diese vertreiben gemeinschaftlich einen Künstler, der bei ihnen ein Konzert geben will. Texte wie »Schon wieder einer von dieser Race, mach, dass Du fort kommst, damit ich Dich nicht hasse, fort, fort, fort, fort.« dürften dabei aus dem engsten Familienkreis, wenn nicht sogar vom 11-jährigen Komponisten selbst stammen. Wie dieses Werk blieben allerdings auch drei weitere, bis 1822 komponierte Stücke unvollendet bzw. wurden durch die Überlieferung zum Fragment. Von einer Freischütz-Parodie MWV M 4 ist nur das Textbuch überliefert, von einer Mozart-Parodie MWV M 5 nur die letzte Seite einer Solostimme mit einem Teil des Schlusschores. Im Zentrum des Bandes stehen vier szenengebundene Musiken, die Mendelssohn im Auftrag von Karl Leberecht Immermann (1796–1840) für das im Entstehen begriffene Düsseldorfer Stadttheater komponierte. Es sind dies die Musiken zu Der standhafte Prinz MWV M 7, Andreas Hofer MWV M 8, Kurfürst Johann Wilhelm im Theater MWV M 9 und zu Alexis MWV M 10, die in ihren Bühnenfassungen durchweg Erstdrucke darstellen. Das erstgenannte Werk ist das umfangreichste Stück. Es besteht aus zwei orchesterbegleiteten Männerchören der in Marokko festgehaltenen Christensklaven, einer opulenten Schlachtmusik, einem Melodram und einem kurzen Trauermarsch. Im Zentrum des Werkes steht mit der Schlachtmusik ein Unikum im Schaffen des Komponisten. In Immermanns Einrichtung des Calderonschen »Standhaften Prinzen« fand diese Musik am Ende des 2. Aktes Verwendung. Signalhaft eingesetzte Bläser, die Zerrissenheit der Streicherfiguren und der Einsatz von Piccolo-Flöte, Bassposaune, großer Trommel und Becken zeichnen eine effektvolle Programmmusik. In einem mittleren Teil, der durch den Wechsel der Tonart eingeleitet wird, führt Mendelssohn die Schlachtmusik im Stile eines Geschwindmarsches weiter. Es ist wohl nur den Entstehungsumständen zuzuschreiben, dass eine solche Musik erst 180 Jahre nach ihrer Komposition das erste Mal veröffentlicht wird.


Geistliche Werke für Chor (oder Solostimmen mit Chor) und Orgel bzw. Basso continuo. Fassungen für größere Besetzungen. Leipziger Ausgabe der Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy, Serie VI, Band 2A


Herausgegeben von Clemens Harasim, Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2015, XXVII + 160 Seiten, 5 Abbildungen, Festeinband


Dieser Band enthält von Mendelssohn verfasste Instrumentierungen dreier seiner geistlichen, ursprünglich mit Orgel begleiteten Chorwerke: das Anthem »Why, o Lord, delay for ever« MWV A 19, das Hymn »Hear my prayer« MWV B 49 
und das »Ave Maria« op. 23 Nr. 2 MWV B 19. Sowohl hinsichtlich ihrer Anlässe als auch ihrer Gestalt unterscheiden sich diese Bearbeitungen maßgeblich. 


Der Auftraggeber des 1840 entstandenen und ein Jahr darauf gedruckten dreisätzigen Anthems »Why, o Lord, delay for ever« MWV B 33 für Solo, Chor und Orgel war der Rechtsprofessor, Musikliebhaber und Moscheles-Schüler Charles B. Broadley (1800–1866) aus Cambridge, der auch das Libretto – eine Paraphrase des 13. Psalms – verfasst hatte. Im Oktober 1842 wandte sich Broad­ley erneut an Mendelssohn und erbat eine Orchestrierung des Stückes. Der Komponist kam dieser Bitte nach und nutzte die Gelegenheit, zusätzlich eine ausladende Chorfuge über die leicht veränderten Textworte der letzten Zeile der Dichtung zu komponieren und machte dieses nach eigenem Bekunden »beste Stück vom Ganzen« dem Auftraggeber zum Geschenk. Broadley veranlasste nach Erhalt der von Mendelssohn korrigierten Partiturabschrift im Januar 1843 sogleich Ignaz Moscheles (1794–1870), ein Arrangement des neukomponierten Schluss-Satzes für die Begleitung durch ein Tasteninstrument zu erstellen, welches er schon im Mai 1843 als Ergänzung von MWV B 33 
drucken ließ. In dieser unautorisierten Form – mit Orgelbegleitung und Schluss-Fuge – wurde das Werk bis heute oft rezipiert; gelegentlich wurde in Ausgaben sowohl der Orgel- als auch der Orchesterfassung dem Schluss-Satz gar eine deutsche Übersetzung des Textes unterlegt. Die Art der Bearbeitung jedoch, die sich auch in der Quellensituation widerspiegelt, verleiht der Orchesterfassung des Anthems viel stärker autonomen Werkcharakter, als dies bei sonstigen Fassungen und Bearbeitungen der Fall ist; die Neukomposition eines vollständigen Satzes lässt sie als eine Fassung im weiteren Sinne erscheinen und rechtfertigt somit auch eine separate Werknummer innerhalb der Werkgruppe »Groß besetzte geistliche Vokalwerke« (MWV A 19). Da ein Druck der Fassung mit Orchester zu Lebzeiten Mendelssohns nicht mehr realisiert werden konnte, stützt sich die Edition auf die autografe Partitur und die korrigierte Abschrift; Quellen zu MWV B 33 mussten nicht herangezogen werden. 


Die Instrumentierung der Begleitung des »Ave Maria« op. 23 Nr. 2 MWV B 19 
für 2 Fagotte, 2 Klarinetten und Bassi erfolgte Anfang des Jahres 1834. Mendelssohn beabsichtigte zu dieser Zeit, das 1830 komponierte und 1832 in der »Kirchen-Musik für Chor« op. 23 mit beziffertem Bass bei N. Simrock gedruckte achtstimmige Chorwerk als Teil der Düsseldorfer Kirchenmusik aufzuführen. Da jedoch die Orgel in einer der beiden dortigen Hauptkirchen (in St. Lambertus) defekt und somit nicht zu verwenden war, fügte Mendelssohn dem Stück die entsprechende Instrumentalbegleitung bei. Als dann der Komponist im April 1837 Simrock vorschlug, für einen Neudruck des bereits sehr beliebten und verbreiteten »Ave Maria« nicht nur die bezifferte Bass-Stimme durch eine ausgeschriebene Orgelstimme zu ersetzen, sondern auch eine alternative Instru­mentalbegleitung beizugeben, war der Verleger sogleich einverstanden; und so erschien ein separater Druck von op. 23 Nr. 2 im Frühjahr 1838 in Form der Chorpartitur mit Orgel und fünf angehängten Blättern mit den Instrumentalstimmen. 


Die Instrumentierung der Orgelbegleitung des im englischsprachigen Gebiet außerordentlich beliebten Hymn »Hear my prayer« MWV B 49 nahm Mendelssohn auf Bitte des irischen Komponisten und Dirigenten Joseph Robinson (1815–1898) vor, der mit ihm während der Proben zur Uraufführung des Elijah im August 1846 die Modalitäten dazu mündlich besprach. Im Jahr 1844 hatte Mendelssohn die Paraphrase des 55. Psalms von William Bartholomew für Solo, Chor und Orgelbegleitung vertont, im Jahr darauf waren Uraufführung und Drucklegung erfolgt. Im Februar 1847 sandte Mendelssohn schließlich die Partitur der Orchesterstimmen (in Form einer Art Particell) zum Verleger Edward Buxton nach London, wo daraus und aus den Singstimmen der gedruckten Fassung mit Orgelbegleitung eine Partitur (für eine Aufführung und wohl auch als mögliche Druckvorlage) erstellt wurde. Robinson war es schließlich, der die Orchesterfassung am 21. Dezember 1848 in seinen Antient Concerts in Dublin zur (postumen) Uraufführung brachte. Erst 1880 erschien die Fassung mit Orchester erstmals im Druck. 


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Heft 16 (2016)
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1867-7061

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