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Die deutsche Akademie des 17. Jahrhunderts: Fruchtbringende Gesellschaft – Neuerscheinungen


Das Forschungs- und Editionsprojekt Die deutsche Akademie des 17. Jahrhunderts: Fruchtbringende Gesellschaft begreift die umfangreiche Überlieferung dieser Gesellschaft (1617–1680, 890 Mitglieder) und die zahllosen Rezeptionsdokumente ihres Wirkens nicht als abgeschlossenes Archiv eines historisch erledigten Anspruchs, dem man sich allein mit einem distanzierenden historischen Relativismus nähern könnte. Vielmehr wird hier, durch die möglichst genaue Rekonstruktion und Erklärung des historischen Quellenmaterials hindurch, eine Stimme aus unserer Vergangenheit vernehmbar, die uns daran erinnert, dass sich Kultur nicht nur im gelungenen künstlerischen Artefakt, sondern im gesellschaftlichen Diskurs, in einer gelingenden humanen Praxis verwirklicht. Wenn wir in diesem Jahr 2017 das 400. Gründungsjubiläum der Fruchtbringenden Gesellschaft1 begehen können, dann möchten wir auch die verkannten oder unterschätzten Seiten dieser Gesellschaft herausstellen. Gerade weil sie im Wesentlichen die politischen, administrativen und teilweise auch militärischen Führungsgruppen in sich vereinigte, konnte sie ihre modernen, reformerischen Bildungsimpulse schon in ihrer Devise ›Alles zu Nutzen‹ mit dem Primat der Praxis verbinden, blieb Wissen so eingebunden in eine am Gemeinwohl orientierte Tugend-Ethik und eine sich zunehmend profilierende Friedensgesinnung. 


Politisch im Sinne einer polis, einer gleichberechtigten Gemeinschaft über Standes-, Konfessionen- und Parteien-Grenzen hinweg, und zugleich staatsfern-utopisch im Anspruch auf Verständigung und überparteilichen Ausgleich der Gegensätze, im Anspruch auf eine durchgehende conversazione civile und allgemeinchristliche Toleranz förderten die Fruchtbringer die gesellschaftlichen Kohäsionskräfte in dieser kriegs- und krisengeschüttelten Epoche, oder versuchten doch zumindest, ihren Beitrag dazu zu leisten. Die Quellen aus dem Umfeld der Fruchtbringenden Gesellschaft dokumentieren unter diesem Gesichtspunkt auch, dass es nicht nur unangepasste Gelehrte und Außenseiter, sondern auch eine Reihe von Politici (Fürsten, Räte und Beamte) waren, die »in diesem kriecherischen Jahrhundert« (»in medio isthoc adulatorio seculo«, Wilhelm Schickard 16212) gegen welt- und lebensfernen Doktrinalismus und gegen Missstände überhaupt antraten, und dabei freier Denkende, Heterodoxe und ›Dissidenten‹ in Schutz nahmen. Inmitten des zerrüttenden 30-jährigen Krieges war es die Sprache, aus deren regulierendem Ausbau man sich die größte identitätsstiftende Kraft für ein die Spannungen überwindendes Gemeinwesen versprach. Dabei traten in der fruchtbringerischen Spracharbeit die Aspekte des zentralstaatlichen Herrschaftsausbaus, wie wir sie besonders in der Sprachpolitik der französischen Krone antreffen, völlig zurück zugunsten jener kommunikativen Verständigung, die bei Jürgen Habermas und Axel Honneth als ›Paradigma des Sozialen‹ konzipiert wurde.3 Unter den Bedingungen des von Michel Foucault (1926–1984) grundsätzlich ausgemachten sozialen Kampfes als Grundzug gesellschaftlicher Interaktion bei »ungleicher Verteilung von Lasten und Privilegien« bedurfte es für das große fruchtbringerische Verständigungsprojekt freilich eines geschützten Raumes, eben der Fruchtbringenden Gesellschaft als solcher. Diese wäre damit wohl berechtigt in die »verschüttete Dimension der kommunikativen Rationalisierung« einzubetten, die auf die notwendige Offenheit und Herrschaftsfreiheit in den symbolisch vermittelten gesellschaftlichen Kommunikationsprozessen abzielt.4 Die große Bedeutung der patriotischen Spracharbeit der Fruchtbringer könnte hier ihre gesellschaftstheoretische Begründung finden. Sprache jedenfalls bleibt auch im jüngst erschienenen 12. Editionsband ein zentrales Thema der Fruchtbringenden Gesellschaft:



Briefe der Fruchtbringenden Gesellschaft und Beilagen: Die Zeit Fürst Ludwigs von Anhalt-Köthen 1617–1650. Siebter Band: 1644–1646. Teil I: Januar 1644 – Juli 1645, Teil II: August 1645 – Dezember 1646

Hrsg. von Klaus Conermann u. Andreas Herz unter Mitarbeit von 
Gabriele Ball. Leipzig 2016 (Die deutsche Akademie des 17. Jahrhunderts: Fruchtbringende Gesellschaft, Reihe I, Abt. A: Köthen, Bd. 7.I u. II). 


Während 1643 die ersten Gesandten zum großen Friedenskongress in Münster und Osnabrück eintrafen, darunter auch viele Fruchtbringer, wurde das Fürstentum Anhalt im Herbst 1644 noch einmal zum Hauptkriegsschauplatz, als sich die kaiserliche und die schwedische Hauptarmee monatelang bei Bernburg gegenüberlagen. In vielen Dokumenten dieses Bandes finden die Kriegsgeschehnisse und die Friedensverhandlungen brieflichen und literarischen Niederschlag – selbst in der fortgesetzten Sprachdiskussion der Fruchtbringenden Gesellschaft, in welcher die Spracharbeit zu den ›Friedenskünsten‹ (Georg Philipp Harsdörffer (1607–1658)) gerechnet wurde. Ein Echo aus den Tagen der größten Kriegshitze vernehmen wir in Diederichs von dem Werder (1584–1657) Übersetzung des Romans DJANEA Oder Rähtselgedicht (Nürnberg 1644) nach dem italienischen Original von Giovanni Francesco Loredano (1607–1661), mit einer verschlüsselten Schilderung der Geschehnisse um Wallensteins Ermordung 1634. Als Hofmann und einstiger Obrist griff Werder auch in die Rechtschreibdebatte ein, ebenso wie der anhaltinische Rat und Diplomat Martin Milagius (1598–1657) in seiner angenehm unaufgeregten, abwägenden Positionsbestimmung in der Vorrede zu seinem Singenden Jesaja (1645), dem Friedenspropheten. Sprachtheologische und -philosophische Konzepte, wie das der ›Natursprache‹, wurden ebenso Gegenstand der Sprachdebatte wie alle Ebenen des Sprachsystems, mit offenen Rändern zu hetero- oder (im wörtlichen Sinne) paradoxen Positionen wie dem Rosenkreuz oder der Kabbala. Nach und neben Grammatik, Orthografie und Poetik nahm auch das Wörterbuchvorhaben der Gesellschaft als ein angestrebtes Gemeinschaftsprojekt nach dem Vorbild der Accademia della Crusca Konturen an, einschließlich der Fachwortschätze und Phraseologie des Deutschen, die übereinstimmend mit in den Blick genommen wurden. 


Da aber die gemeinsame lexikografische Arbeit von verbindlichen Prinzipien der Grammatik und der Rechtschreibung abhing, flammte die kontroverse Grammatikdebatte erneut auf. Die Frage nach dem Stammwort (der Stammform, auch Wortwurzel) wurde zum entscheidenden Streitpunkt, da von der Bestimmung des Stammworts die Lemma-Ansetzung abhing. Nicht Ungeschick, Unprofessionalität oder Inkompetenz der beteiligten Fruchtbringer, im Gegenteil: der Dissens in eben dieser anspruchsvollen sprachtheoretischen Grundsatzfrage, der Gegensatz zwischen, grob gesagt, Analogisten und Anomalisten, zwischen den Anwälten der sprachimmanenten ratio oder Sprachsystematik und den Verteidigern der consuetudo oder Sprachgewohnheit, sollte am Ende das geplante gemeinsame Wörterbuchprojekt vereiteln. Dieser Widerspruch ist aber nicht nur ein metasprachlich-theoretischer, sondern er ist in der Sprachrealität selbst angelegt. Wenn daher das Ziel verfehlt wurde, hält der beschrittene Weg gleichwohl lexikografische Ansätze, Vorschläge und Vorarbeiten bereit, die die Rede von einem diesbezüglichen Scheitern der Fruchtbringenden Gesellschaft zumindest relativieren.


Ihrer großen Ausstrahlung in die intellektuellen Zirkel der Zeit tragen ­etliche Dokumente von Nicht- oder Noch-nicht-Fruchtbringern Rechnung, die als wichtige Rezeptions- und Austauschzeugnisse in den Band aufgenommen wurden. Ihnen gesellen sich Georg Philipp Harsdörffers Pläne zu einer institutionell verfestigten internationalen Vernetzung der Fruchtbringenden Gesellschaft mit europäischen Akademien hinzu, die erneut den von ihr intensiv ausgestellten Kulturtransfer untermauern. Harsdörffers Pläne werden daher erstmals in ihrem europäischen Zusammenhang kultureller und wissenschaftlicher Austauschbeziehungen gründlich rekonstruiert und erläutert. Auch der hier veröffentlichte Briefwechsel zwischen Harsdörffer und Johann Michael Moscherosch (1601–1669) schärft unser Bewusstsein von einer dynamischen, kreativ bereichernden, aber auch konfliktreichen Zone kulturellen Transfers und kultureller Distanz im frühneuzeitlichen Europa.


In den Jahren 1644 bis 1646 behielt der Wolfenbütteler Hof seine Rolle als aktives Zentrum der Fruchtbringenden Gesellschaft bei. Zu den literarischen Leistungen und Projekten gehörten Carl Gustav von Hilles (1590–1647) Vorhaben einer umfassenden Darstellung der Sozietät, das mit seinem Teutschen Palmbaum (1647) verwirklicht wurde, Justus Georg Schottelius’ (1612–1676) Teutsche Vers- oder ReimKunst (1645) und nicht zuletzt die sprachreformerische Bibelharmonie Herzog Augusts d. J. von Braunschweig-Wolfenbüttel (1579–1666), für die er in Johann Valentin Andreae (1586–1654) einen irenisch gesinnten theologischen Ratgeber fand. Besonders am Beispiel der Herzogin Sophia Elisabeth (1613–1676) wird zudem die häufig unterschätzte Rolle von Frauen im Umfeld der Fruchtbringenden Gesellschaft greifbar. Schottelius’ Vers oder ReimKunst wiederum ist keine den zeitgenössischen Poetiken vergleichbare ›Barock-Poetik‹. Sie will mit der Silben- und Betonungslehre die Grundlagen der deutschen Prosodie herausarbeiten und setzt damit das Opitz’sche Werk einer genuin muttersprachlichen Metrik fort, ja stellt vielleicht sogar den ersten Anlauf zu einer deutschen Orthophonie dar, die als Sprachdisziplin erst im 19. Jahrhundert aufkam. 


Mit der Veröffentlichung eines neuen gedruckten und illustrierten ­Gesell
schaftsbuchs 1646 findet ein fruchtbringerisches Verlagsprojekt seinen Abschluss, dem umfangreiche und intensive Korrespondenzen hinsichtlich des Verlagskonsortiums, der Kalkulation, Gestaltung und Drucklegung vorausgingen. Das Buch mit den in der Frankfurter Merian-Werkstatt gestochenen Impresen der ersten 400 Mitglieder ist das chronologisch letzte der gedruckten Gesellschaftsbücher und darf als eines der schönsten druckgrafischen Werke des 17. Jahrhunderts gelten. Immer war es Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen (1579–1650), das langjährige Gesellschaftsoberhaupt, der die Impresen, gelegentlich auf Vorschlag, auswählte und die Reimgesetze (Gedichte) dazu aufsetzte oder verbesserte, meist in Zusammenarbeit mit Diederich von dem Werder. In der Summe präsentieren uns die Impresen die programmatischen Anliegen und die Leitideen der Gesellschaft in schöner Anschaulichkeit, nämlich in ästhetisch äußerst ansprechenden Bildern reizvoller bzw. pharmakologisch oder anderweitig nützlicher Pflanzen, wie sie ein jedes Mitglied als individuelles Sinnbild führte.


Zu den hier veröffentlichten Briefen und Dokumenten gehören auch solche, die das Verhältnis der Gesellschaft zu anderen deutschen Akademien und Dichtergesellschaften berühren: Philipp von Zesens Deutschgesinnete Genossenschaft, die Straßburger Aufrichtige Gesellschaft von der Tannen, der Pegnesische Blumenorden in Nürnberg und die Königsberger Kürbishütte. Sie alle formierten ein Kommunikationsnetz, das sich bis auf die beiden Straßburger und Königsberger Gesellschaften und anders als die zumeist städtischen oder regionalen Akademien Italiens, über Räume großen Ausmaßes erstreckte. Es war der Fruchtbringenden Gesellschaft vorbehalten, in diesen Vernetzungen die Rolle eines Vorbildes und sozietären Musters zu übernehmen. 


Im Fächer seiner vielfältigen Themen und Facetten legt auch dieser Band einen Kosmos der Diskurse, Debatten, Konzepte und Probleme im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges frei, der die Frühneuzeitforschung insgesamt einlädt, konsultiert und genutzt zu werden. Ein allgemeines Glossar, das auch heute nicht mehr verständliche fremdsprachige Wörter und Wortformen erklärt, ein Verzeichnis der in den Quellen begegnenden sprachwissenschaftlichen Begriffe, ein Sach- und ein Personenregister erleichtern Verständnis und Zugang zu den veröffentlichten Quellen und Kommentarerläuterungen. Inhaltsangaben zu den erschienenen Bänden, kumulierte Register aller bisher erschienenen Köthener Briefbände (Reihe I, Abt. A: Köthen), ein in fortgesetzter Ergänzung und Aktualisierung befindliches Mitgliederlexikon, eine vollständige Liste der aus der Arbeitsstelle hervorgegangenen Publikationen und anderes mehr sind über das online-Portal des Projektes greifbar: www.die-fruchtbringende-gesellschaft.de.


  1. 1Dazu wird von der Arbeitsstelle ein Sammelband mit ausgewählten Publikationen erscheinen.

  2. 2Vgl. Ulrich Bubenheimer, »Wilhelm Schickard im Kontext einer religiösen Subkultur«, in Friedrich Seck (Hg.), Zum 400. Geburtstag von Wilhelm Schickard. 2. Tübinger Schickard-Symposion 25.–27.6.1992, Sigmaringen 1995, S. 67–92, S. 91.

  3. 3Axel Honneth, Kritik der Macht. Reflexionsstufen einer kritischen Gesellschaftstheorie, 5. Aufl., Frankfurt a. M. 2014, S. 265–306.

  4. 4Ebd., S. 298 und 295.
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Heft 17 (2017)
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1867-7061

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