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Jewish Refugees in Shanghai 1933–1947. A Selection of Documents


Archive of Jewish History and Culture, Bd. 3. Herausgegeben von Irene Eber, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018, 718 Seiten, 33 Abbildungen, 
3 Karten, Festeinband


Rund zwanzigtausend jüdische Flüchtlinge überlebten in der chinesischen Hafenstadt Shanghai die nationalsozialistische Verfolgung. Nach der national­sozialistischen Machtübernahme und den wenig später erlassenen ersten Berufsverboten gelangte bereits 1933 eine Reihe von deutsch-jüdischen Ärzten oder Ingenieuren nach China. Nach dem »Anschluss« Österreichs und den Novemberpogromen im Jahr 1938 bemühten sich immer mehr Jüdinnen und Juden um eine Ausreise. Doch schon am Vorabend des Krieges gab es kaum aufnahmebereite Länder, Einreisevisa wurden nur äußerst restriktiv vergeben. In Shanghai, wo es einen internationalen Vertragshafen gab und wo die französischen und britisch-amerikanischen Konzessionsgebiete einer lokalen Stadtverwaltung unterstanden, war nach dem Ausbruch des Chinesisch-Japanischen Kriegs im Sommer 1937 die Einreisekontrolle vollends zusammengebrochen, jüdische Flüchtlinge konnten gänzlich ohne Visum einreisen. Ein zwischenzeitlich seitens der Stadtverwaltung gefordertes Einreisegeld konnte den Strom der Einreisenden kaum begrenzen, insgesamt erreichten schließlich 18.000 bis 20.000 Menschen den Zufluchtsort Shanghai. Der Großteil der Flüchtlinge aus Österreich und Deutschland traf noch vor 1940 aus deutschen und italienischen Seehäfen in Shanghai ein. Nach dem Kriegseintritt Italiens war die Route durch das Mittelmeer und den Suezkanal versperrt, kurz darauf wurde auch der Umweg über das afrikanische Kap der Guten Hoffnung zu unsicher. Die Kriegsereignisse und vor allem der Beginn der nationalsozialistischen Vernichtungs­politik kappten schließlich jede Fluchtmöglichkeit. Einigen wenigen – vor allem polnisch-jüdischen Flüchtlingen – gelang allerdings noch bis ins Jahr 1941 die Flucht mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok und von dort mit dem Schiff über Japan nach Shanghai. Während einige wenige Flüchtlinge in ­Peking, Tientsin oder Nanking beruflichen Anschluss fanden, ließ sich die große Mehrheit von ihnen in der modernen, westlich beeinflussten Metropole Shanghai nieder.


Doch auch Shanghai blieb von den Weltkriegsereignissen nicht unberührt. Nachdem Japan bereits 1937 die chinesisch regierten Stadtgebiete erobert hatte, besetzte das japanische Militär – seit Mai 1940 als »Achsenmacht« mit Deutschland und Italien verbündet – Ende 1941 die gesamte Stadt. Im Sommer 1943 ordneten die japanischen Besatzungsbehörden an, dass die seit 1938 angekommenen »staatenlose Flüchtlinge« – gemeint waren die jüdischen Neuankömmlinge aus Österreich und Deutschland – nur noch im Shanghaier Stadtteil Hongkou, der sogenannten Designated Area, wohnen und arbeiten durften. Waren schon zuvor die Lebensbedingungen für die Flüchtlinge äußerst schwierig gewesen, so verschlechterten sich die ohnehin beengten Wohnverhältnisse und kargen Erwerbsmöglichkeiten noch einmal.


Frühzeitig setzten sich verschiedene, vor allem jüdische Hilfsorganisationen für die meist völlig mittellosen und von den lokalen Gegebenheiten vielfach überforderten Flüchtlinge ein. Diese wurden von den beiden ansässigen jüdischen Gemeinden – der russisch-jüdischen Gemeinde und der sephardischen Gemeinde – ins Leben gerufen, doch auch internationale Hilfsorganisationen, darunter insbesondere das American Jewish Joint Distribution Committee (AJJDC), unterstützten die Flüchtlinge. Letzteres entsandte eine Mitarbeiterin nach Shanghai, die sich vor Ort couragiert bemühte, die Hilfe effizient zu organisieren und dabei zwischen den unterschiedlichen lokalen, teils konkurrierenden Hilfsorganisationen zu vermitteln. Diese sammelten vor Ort oder im Ausland Spendengelder, richteten gemeinsam mit dem AJJDC Wohnheime, Krankenhäuser und Schulen ein, organisierten Suppenküchen und berufliche Ausbildungszentren. Doch auch die Flüchtlinge selbst begannen rasch mit der Selbstorganisation. Sie gründeten eine eigene Gemeinde mit den dazugehörigen religiösen und wohltätigen Einrichtungen. Zudem schufen die Flüchtlinge ein blühendes kulturelles Leben mit Zeitungen in deutscher, jiddischer und englischer Sprache, einer lebendigen Theaterszene, Künstlervereinigungen und Ausstellungen, klassischen Konzerten, Operettenaufführungen, Dichterlesungen und Programmen für Erwachsenenbildung. Von den Flüchtlingen geführte Cafés, Bars und Restaurants boten nicht nur vertrautes Kulinarisches und damit die Gelegenheit zur kulturellen Selbstvergewisserung, sie wurden auch zu wichtigen sozialen Begegnungsorten. 


Vor allem die Flüchtlingspresse spiegelt das weite Spektrum des sozialen, politischen und kulturellen Lebens der Flüchtlinge und damit auch solche Ereignisse, die sie als gemeinschaftliche Erfolge oder Misserfolge wahrnahmen, die sie mit allgemeiner Erleichterung aufnahmen oder die sie mit Skepsis, Sorge oder Angst verfolgten. So wurde nach Kriegsende auch die Frage der »Rückwanderung« nach Deutschland bzw. Österreich oder der »Weiterwanderung« nach Australien, Amerika oder Palästina in der lokalen Flüchtlingspresse debattiert. Die große Mehrheit entschied sich für die Niederlassung außerhalb Europas, wenngleich einige nach Deutschland (Ost oder West) oder Österreich zurückkehrten. Ende 1947 hatten die allermeisten Flüchtlinge Shanghai verlassen.


In der genannten Quellenedition sind 184 Dokumente versammelt. Drei neu angefertigte Karten (Flüchtlingsrouten, Shanghai, Designated Area) sowie insgesamt 33 Fotografien geben eine visuellen Eindruck von der Geographie bzw. den lokalen Gegebenheiten und von einigen wichtigen Akteuren, ein 34-seitiger Index erleichtert die Handhabung. Die Dokumente sind in acht, jeweils mit einer Einleitung versehenen Kapitel – Erwägungen zum Fluchtort Shanghai, Fluchtverlauf und Ankunft, die Flucht der polnischen Juden, die Etablierung der Flüchtlingsgemeinschaft und ihrer Institutionen, chinesische und japanische politische Reaktionen auf die Flüchtlinge, die Exilpresse, das kulturelle Leben, Kriegsende – angeordnet. Diese Dokumente in deutscher, englischer, jiddischer, russischer und chinesischer Sprache stammen aus Archiven in Deutschland, Österreich, den Vereinigten Staaten, England, China sowie Israel, sie wurden transkribiert und, abgesehen von den deutschsprachigen, ins Englische übersetzt; zudem wurden sie ausführlich annotiert. Sie umfassen behördliche und konsularische Berichte, offizielle Korrespondenzen, Zeitungsartikel, Jahres­berichte, persönliche Briefe, Tagebuchexzerpte, Transkripte von Radiosendungen und Gedichte. Diese bisher unveröffentlichten Quellen beleuchten auch die Reaktionen von Nazi-Behörden in Deutschland und ihren Shanghaier Vertretungen sowie jene von japanischer und chinesischer Seite auf die Ereignisse und geben ein umfassendes Bild vom Geflecht lokaler jüdischer Hilfskomitees und zumeist jüdischer internationaler Hilfs­organisationen. Vor allem aber dokumentieren sie die vielfältigen Erfahrungen der jüdischen Flüchtlinge und ihr Bemühen um Selbstbestimmung selbst unter äußerst widrigen Umständen.


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Heft 21 (2020)
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