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Editorial


»How dare you?!« schleudert die 16-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg der Weltpolitik 2019 auf dem UN-Klimagipfel entgegen – und es ist beschämend, dass diese Dramatik alles andere als unangemessen ist. Angelangt in einer neuen geochronologischen Epoche, dem Anthropozän, – einer Zeit, in welcher der Mensch selbst zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf biologische, geologische und atmosphärische Prozesse innerhalb des Erdsystems und damit zu einem eigenen geologischen Faktor geworden ist, sind die von der Wissenschaft identifizierten gesamtgesellschaftlichen Aufgaben immens. Doch statt eines verantwortungsvollen globalen Miteinanders von Politik, Gesellschaft und Wissenschaft sind die Reaktionen darauf nur allzu oft von Aktio­nismus oder Apathie; gegenseitigen Schuldzuweisungen; gut gemeinter, aber z. T. fehlleitender Förder- bzw. Verbotspolitik; Verschwörungstheorien; Lobbyklüngeleien; Verzichtsunwilligkeit und Verantwortungslosigkeit geprägt. Den hitzig geführten Debatten und dem darauffolgenden (Nicht-)Tun ist erschreckend häufig eine nahezu altmodisch anmutende Maxime abhandengekommen: Anstand. Eine Lösung dieses Problems wird auch das vorliegende Heft der Denkströme nicht anbieten können. Doch sollen hier verschiedene Sichtachsen freigelegt werden: Sei es eine detaillierte Grundsatz-Analyse, warum die Politikwissenschaft den »Schock des Anthropozäns« nur langsam verwunden hat und sich erst sehr verzögert der Thematik annimmt; sei es ein konkreter Vorschlag, wie man Fehlentwicklungen bei der (in der Gesamt­bilanz durchaus kritisch zu beurteilenden) energetischen Nutzung von Biomasse abwendet, indem stattdessen eine stoffliche Nutzung für die Herstellung von Grundchemikalien den Weg zu einer sinnvollen Kreislaufwirtschaft ebnet. Sei es auch mit einigen Beiträgen aus der Vortragsreihe »ZUKUNFT – ENERGIE – ZUKUNFT. Energiefragen im 21. Jahrhundert«, die in diesem Heft publiziert sind. Einige der Vorträge sind streitbar und rufen zu einem weiteren wissenschaftlichen Diskurs auf. So zum Beispiel der Vorschlag, trotz des Abgas-Skandals in der Automobilindustrie nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten und – angesichts nur geringer Reichweiten von Elektrofahrzeugen, deren mit dem bisherigen Strommix unbefriedigenden CO2-Bilanz sowie der ungelösten Batteriefrage – der Tatsache ins Auge zu blicken, dass der Verbrennungsmotor noch auf lange Zeit tragende Säule für den weltweiten Transport von Gütern und Personen sein wird; verbunden mit dem Vertrauen in die Entwicklung sauberer Kraftstoffe und verbesserter Motoren. Ein weiterer Beitrag beschäftigt sich mit Klimaforschung aus paläoklimatischer Sicht. Dass auch die Paläoklimaforschung Aussagen zum Klimawandel machen kann, hat erst kürzlich eine Reihe von Nature-Artikeln bewiesen, die u. a. gezeigt haben, dass sich die derzeitig vonstattengehenden Klimaänderungen deutlich von denen in der weiten Vergangenheit unterscheiden: Aktuelle Klimaänderungen erfassen erstmals den gesamten Globus und sie spielen sich – bisher beispiellos – in unglaublich kurzen Zeitperioden ab, was als klarer Beweis für die »Menschgemachtheit« eines großen Anteils der heutigen Klimaänderungen interpretiert wird. Wenn also aus paläoklimatischer Sicht davor gewarnt wird, nicht allein auf den Einflussfaktor CO2 zu fokussieren, sondern auch vielfältige andere Parameter in den Blick zu nehmen, heißt das nicht, Klimaschutzbemühungen gänzlich aufzugeben.


Unbehagen und Ängsten gegenüber der Atomkraft begegnet die »Führung durch den Zoo von Kernreaktortypen« mit dem Angebot, sich die »Biester aus der Nähe anzusehen« und auch der darauffolgende Beitrag zur Endlagerproblematik erörtert abwägend, sachlich und konzise Möglichkeiten, Herausforderungen und Machbarkeiten. 


Wenn man nun annimmt, der thematische Sprung zum Förderschwerpunkt des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst »1918 – 
Chiffre für Umbruch und Aufbruch« könnte kaum größer sein, wird man spätestens bei der Lektüre zu Horace Kallens Pluralismuskonzept eines Besseren belehrt, der schon vor über 100 Jahren globalen Frieden aus dem Prinzip der Nationalität, d. h. eine neuartige Orchestrierung von Nationalitäten und ­anstelle der Sorge um ein Gleichgewicht der Mächte deren Verschränkung in einer internationalen Organisation, forderte. 


Spätestens mit Blick auf den Diskussionsteil im Heft zu Formen und Zielen des Extremismus in Deutschland – wertverneinend, moral-vernichtend, illegitim, illegal und demokratiezerstörend – wird deutlich, dass keine Zeit mehr ist für die eingangs genannte Unentschlossenheit, Unsachlichkeit, rücksichtslose Durchsetzung von Eigeninteressen und schon gar nicht für mangelnden Anstand.


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Heft 21 (2020)
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1867-7061

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