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»Dann sprach ich bei Professor Gottsched vor …«. 
Leipzig als Literarisches Zentrum Deutschlands in der Frühen Neuzeit 


Von Detlef Döring, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2014, 208 Seiten


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Seit Georg Witkowskis Geschichte der Leipziger Literatur aus dem Jahr 19091ist keine neuere Arbeit mit umfassendem Anspruch zu diesem Thema mehr erschienen. Detlef Döring setzt sich in dem vorliegenden Buch das Ziel, Witkowskis Darstellung auf der Grundlage aktuellen historischen Wissens und heute geltender Standards wissenschaftlicher Argumentation zu ersetzen und Witkowskis oft leichtfertig nachgesprochene These, wonach seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts Leipzig den Anschluss an die Entwicklung der deutschen Literatur, repräsentiert durch die ›goethezeitlichen‹ Strömungen Sturm und Drang, Weimarer Klassik und Romantik, verloren habe, einer kritischen Revision zu unterziehen. Döring will die »Spezifika der literarischen Produktion und Konsumtion in der Stadt Leipzig« (S. 10) erfassen, und da Witkowski seine Literaturgeschichte bei 1770 abbricht, verspricht ­Döring darüber hinaus, »wenigstens notdürftig […] die Lücke in der Darstellung der Leipziger Literaturgeschichte zwischen ca. 1770 und 1820/30« (S. 11) zu 
schließen.


Es besteht kein Zweifel, dass der Verfasser aufgrund seiner langjährigen Forschungstätigkeit, in deren Zentrum seine große Leistung bei der Edition des Gottsched-Briefwechsels steht, für ein solches Vorhaben wie kein anderer geeignet ist, und man ist bei der Lektüre stark beeindruckt von der überbordenden Fülle des historischen Wissens, die Döring auf vergleichsweise knappem Raum ausbreitet. Jeder, der sich in Zukunft mit dem Thema befassen wird, findet hier Quellen und Anregungen zur Weiterarbeit, die aus immenser und ­sicherer Kenntnis der Fakten geschöpft sind. Beim Literaturwissenschaftler, und aus dieser Perspektive schreibt der Rezensent, hinterlässt das Buch aller­dings einiges Unbehagen, und man kommt bei aller Bewunderung für das Wissen des Autors nicht umhin festzustellen, dass die oben zitierten Versprechen, die »Spezifika« der Leipziger Literatur zu erfassen und die Lücke am Ende des 18. und in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zu schließen, nicht wirklich eingelöst worden sind. Das hat Ursachen, von denen hier nur einige wenige genannt werden können. 


Der Autor sagt selbst in wünschenswerter Offenheit, dass er »kein Literaturwissenschaftler« (S. 11) ist. Das hindert ihn aber nicht daran, immer wieder gegen eine Literaturwissenschaft zu polemisieren, die angeblich bis heute an einer »Meistererzählung der teleologischen Entwicklung der deutschen Natio­nalliteratur« (S. 7) festhalte. Es gibt aber längst differenziertere Modelle von ­Literaturgeschichtsschreibung, in denen literarische Epochen als Konstellationen miteinander konkurrierender Konzepte beschrieben werden, in denen auch die scheinbar ›rückschrittlichen‹ Positionen zu ihrem Recht kommen. Wie man ein solches Modell auf die Leipziger Verhältnisse um 1800 anwenden kann, zeigt exemplarisch Katrin Löffler in einem diesbezüglich innovativen Aufsatz.2Döring kennt diesen Beitrag, aber das hindert ihn nicht, an seiner allzu pauschalen Polemik gegen die Literaturwissenschaft festzuhalten. Erstaunt ist man auch über die Behauptung, dass »ein heutiger Literaturhistoriker aus Mangel entsprechender Kenntnisse der Rhetorik« (S. 31) nicht in der Lage sei, die rhetorischen Muster in Texten des 17. Jahrhunderts angemessen einzuschätzen, so als ob es nicht seit Jahrzehnten eine reiche Spezialforschung zur Barockrhetorik gäbe. Auf S. 73 wird behauptet, dass das Urteil über die literaturgeschichtliche Bedeutung Gottscheds immer noch von der »bis heute weit verbreiteten ›Sozialgeschichte der Kunst und Literatur‹ Arnold Hausers‹« (S. 73) bestimmt sei. Hausers Werk aus dem Jahr 1953 gilt aber im Fach als längst überholt, und zu Gottsched gibt es durchaus neuere Ansätze aus der Literaturwissenschaft, die Döring ausweislich des Literaturverzeichnisses auch kennt, ohne dass dies Konsequenzen für sein Urteil über ›die‹ Literaturwissenschaft hat.


Um die »Spezifika« der Leipziger Literatur zu erfassen, müsste man von etwas Allgemeinem ausgehen, um das Besondere beschreiben zu können. Dies wäre möglich entweder in einem Vergleich Leipzigs mit anderen städtischen Räumen in der Frühen Neuzeit oder durch die Einbettung in größere epochale Zusammenhänge, am besten durch eine Kombination beider Perspektiven. Da dies in der gewählten Kürze der Darstellung nicht durch zusätzliche Anhäufung von positivem Wissen möglich ist, könnte dies nur durch eine begrifflich-hypothetische Rekonstruktion epochaler und politisch-sozialer Einheiten erreicht werden. Diesen – immer gewagten – Schritt vermeidet Döring aber tunlichst. Schon die von ihm gewählte Gliederung – »Universität und Literatur«, »Studenten«, »Professoren«, »Gelehrte Dichter«, »Verlagswesen«, »Stadtbürgertum«, »Gesellschaften« – behindert eine Ordnung des Wissens, gemäß der das Besondere Leipzigs für den Leser erkennbar würde. So wird z. B. der für die Lage von Stadt und Universität doch wohl konstitutive Bezug zu Hof und Verwaltung Kursachsens in Dresden nur in marginalen Nebenbemerkungen berührt3 und nicht systematisch, auch im Vergleich zu anderen deutschen Städten und Universitäten, entfaltet. 


Im Hinblick auf die Stellung der Leipziger Literatur und Kultur zu den Konstellationen der ›Goethezeit‹ formuliert Döring mit merklicher Sympathie für seinen Gegenstand die These, dass die Leipziger Spätaufklärung in ihrer Distanz zur Transzendentalphilosophie letztlich immer noch bestimmt sei durch Gottscheds »Kampf gegen den ›Mystizismus‹« (S. 112) und das beständige Festhalten an den Kernaussagen der leibniz-wolffschen Philosophie in der »Popularaufklärung«.4 Darüber – und über die Gründe dafür – kann und muss man diskutieren; man wird dann aber auch darüber diskutieren müssen, ob ein Autor wie Wezel, der z. B. in der Frage der Theodizée von diesem Konsens abgewichen ist, noch zum Hauptstrom der Leipziger Spätaufklärung gerechnet werden kann5 und ob nicht doch die Transzendentalphilosophie und die von ihr angeregten literarischen Strömungen der Weimarer Klassik und der Romantik die im Vergleich zur ›Popularphilosophie‹ plausibleren und zukunftsträchti­geren Antworten auf Probleme der Epoche entwickelt haben. Anders gesagt: Die traditionelle Kritik am ›Zurückbleiben‹ Leipzigs am Ende des 18. Jahrhunderts kann wohl nicht so einfach abgewiesen werden, wie Döring dies tendenziell tut.6 Um den wirklich spezifischen Beitrag der Leipziger Kultur dieser Epoche von weit reichender und nachhaltiger Wirkung würdigen zu können, müsste man freilich den Literaturbegriff erweitern und ein Werk analysieren, das in mehreren Auflagen das Wissen und die Konzepte der ›Goethe­zeit‹ auf glänzende Weise zusammengeführt hat – Döring benutzt es nur als Quelle, macht es aber nicht zum Gegenstand –, das Conversations-Lexikon von Brockhaus.


Es gibt also zu diesem Thema noch viel zu tun! Dörings Darstellung 
ist – trotz der hier erhobenen kritischen Einwände – aufgrund der Fülle von ­Informationen und Anregungen eine unentbehrliche Grundlage für einschlägige Arbeiten in der Zukunft.


  1. 1Georg Witkowski, Geschichte des literarischen Lebens in Leipzig, Leipzig/Berlin 1909, Nachdr. München u. a. 1994.

  2. 2Katrin Löffler, »Leipzig als literarisches Zentrum«, in Gabi Pahnke (Hg.), »Hier sitze ich wieder in meiner Klause.« Der Sachse Seume und seine (Wahl-)Heimat Leipzig. Beiträge des Colloquiums in Leipzig, Juni 2010, Bielefeld 2013, S. 117–147.

  3. 3Vgl. z. B. S. 75 und S. 102.

  4. 4S. 112, vgl. auch S. 142 f.

  5. 5Vgl. die Unsicherheit in der Auseinandersetzung mit Klingenberg auf S. 96, Fn. 354.

  6. 6Am Beispiel des für diese Zusammenhänge exemplarischen Streits um Schillers ZeitschriftDie Horen, den Döring auf S. 110–112 bespricht, kann man auf durchaus faire Darstellungen aus neuerer Zeit verweisen, die beiden Seiten gerecht zu werden versuchen. Vgl. z. B. Klaus F. Gille, »Johann Kasper Friedrich Manso im Horen-Kampf. Zur Wirkungsgeschichte von Schillers Zeitschrift«, in ders., Konstellationen. Gesammelte Aufsätze zur Literatur der Goethezeit, Berlin 2002, S. 85–110.
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Heft 13 (2014)
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1867-7061

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