Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Anmelden
Bereiche

Die Bedeutung der frühesten germanischen Überlieferung für das Althochdeutsche

0. Einleitung

Das Etymologische Wörterbuch des Althochdeutschen (EWA) beschäftigt sich mit dem Wortschatz des Althochdeutschen in dessen etymologischen Zusammenhängen. Das Althochdeutsche steht als Sprache nicht allein, sondern gehört zur großen Gruppe der indogermanischen Sprachen. Dies sind alles Sprachen, die genetisch miteinander verwandt sind, d. h. sie setzen unter Veränderung vieler einzelner Sprachelemente eine vorgeschichtliche Sprache fort, die selbst nicht in Textzeugnissen belegt ist, sondern lediglich durch die Rekonstruktion wiedergewonnen werden kann. Diese Sprache wird die indogermanische Grundsprache, kurz auch Urindogermanisch genannt. Häufig lassen sich die belegten Einzelsprachen zu größeren Sprachgruppen zusammenfassen, die Sprachzweige genannt werden. Das Althochdeutsche gehört dabei zum germanischen Sprachzweig. Im Sinne des Begriffs der genetischen Sprachverwandtschaft führen nicht nur sämtliche indogermanische Sprachen auf die nicht belegte Ursprache Urindogermanisch zurück, sondern auch die Einzelsprachen in Sprachzweigen stammen von einer ebenfalls nicht belegten Ursprache ab. So gehen etwa die germanischen Sprachen auf das Urgermanische oder die italischen Sprachen mit dessen wichtigstem Vertreter, dem Lateinischen, auf das Uritalische zurück. Da Sprachen sich kontinuierlich verändern, ist es leicht einsichtig, dass den ältesten bezeugten Sprachstufen die größte Bedeutung zukommt.

Das ehemals einheitliche Urgermanische zerfällt in späterer Zeit in drei Untergruppen:

  1. Ostgermanisch: Der wichtigste Vertreter des Ostgermanischen ist das Gotische, das vor allem in der Bibelübersetzung des Bischofs Wulfila aus der Mitte des vierten Jahrhunderts überliefert ist. Die anderen ostgermanischen Sprachen, wie Wandalisch, Burgundisch oder Herulisch, sind dagegen nur äußerst dürftig vor allem in Personennamen in der lateinischgriechischen Nebenüberlieferung bezeugt.
  2. Nordgermanisch: Das Nordgermanische zerfällt in zwei weitere Untergruppen, nämlich erstens in das Westnordische und zweitens in das Ostnordische. Zum Westnordischen gehören das Altnorwegische und das Altisländische, zum Ostnordischen das Altschwedische und das Altdänische. Die Überlieferung des Nordgermanischen beginnt ab dem siebten Jahrhundert, zunächst durch Runeninschriften, später dann – nach der Christianisierung – in lateinischer Schrift.
  3. Westgermanisch: Das Westgermanische umfasst sechs Sprachen, nämlich das Althochdeutsche, Altsächsische, Altniederfränkische (oder Altniederländische), Altenglische, Altfriesische und Langobardische. Die Überlieferung setzt in der Regel im siebten Jahrhundert ein, ausgenommen vom Altfriesischen, dessen Überlieferung erst später beginnt.

Wie aus dieser kurzen Übersicht hervorgeht, setzt die germanische Großkorpusüberlieferung relativ spät ein, nämlich erst im vierten Jahrhundert nach Christus. Es ist jedoch einem glücklichen Umstand zu verdanken, dass hiermit nicht das früheste bezeugte Germanische seinen Anfang nimmt. Durch die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Römern und Germanen und die lateinische und griechische Berichterstattung darüber sind in lateinischen und griechischen Texten vor allem germanische Namen und einige wenige Einzelwörter überliefert. Eine halbeigenständige germanische Überlieferung ist – ebenfalls im römischen Rahmen – durch die Inschriften germanischer Soldaten im römischen Dienst gegeben. Es handelt sich dabei meistenteils um Grab- und Votivinschriften. Auch sie bezeugen zumeist germanische Namen. Schließlich gibt es noch eine eigenständige germanische Überlieferung. Es sind die frühesten germanischen Runeninschriften, die in einer eigenständigen Schrift, dem sogenannten älteren Fuþark verfasst sind. Diese sporadische inschriftliche Überlieferung setzt bereits um 170 n. Chr. ein.

In unserem Zusammenhang, das heißt in Bezug auf die Etymologie des Germanischen, fragt sich nun, was dieses Material an Beiträgen zu einem Etymologischen Wörterbuch des Althochdeutschen beizutragen vermag. Es seien dafür im Folgenden einige Beispiele gegeben.

1. Althochdeutsch gambar ›tüchtig, kraftvoll‹ und lateinisch-germanisch Sugambri bzw. Gambrivii

Die Etymologie von althochdeutsch gambar ›tüchtig, kraftvoll‹ war lange Zeit umstritten, da die etymologische Echtheit des -b- nicht gesichert war. So wurde althochdeutsch gambar, das im lexikalischen Material der restlichen germanischen Sprachen keine Entsprechungen aufweist, regelmäßig als urgermanisch *ǥam-ara- mit einem sekundären als Übergangslaut eingeschobenen *‑ƀ‑ analysiert. 1 Dies ist als Möglichkeit nicht prinzipiell auszuschließen, wie etwa die Wortsippe ›zimmern‹ im Gotischen mit dem Nebeneinander von timbrjan und timrjan* zeigt.

Allerdings finden sich nun im frühgermanischen onomastischen Material Namen, die sicher mit althochdeutsch gambar zu verknüpfen sind. Es handelt sich um die lateinisch-germanischen Völkernamen Su-gambri und Gambrivii. Hinzu kommen aus späterer Zeit die Personennamen langobardisch Gambara und westgotisch Cambra (mit einer mehrfach belegten Schreibung c- für g-). Da bereits die früh belegten Völkernamen das -b- aufweisen, muss dieses -b- echt sein und kann nicht als sekundärer Übergangslaut interpretiert werden. Es ist zunächst also von einer urgermanischen Vorform *ǥamƀ-ara- auszugehen. Aber auch diese ist noch nicht ganz korrekt. Der früher belegte westgotische Personenname Cambra zeigt nämlich in Vergleich zu dem später belegten langobardischen Name Gambara und der Lautung althochdeutsch gambar, dass das langobardische und althochdeutsche -a- als ein Sprossvokal aufzufassen ist.2 Für das Urgermanische ist somit *ǥamƀ-ra- anzusetzen. Es liegt dabei eine Ableitung mit dem Verbaladjektive bildenden Suffix *-ra- einer Verbalwurzel *ǥamƀ- vor. Die Verbalwurzel ist wohl in mittelhochdeutsch gampen, gimpen, gumpen ›hüpfen‹ fortgesetzt.3 Also ist das Benennungsmotiv für den Völkernamen Sugambri die kraftvolle Bewegung.

2. Althochdeutsch ōdi ›öde‹ und lat.-germ. Aufaniae

Die Etymologie von althochdeutsch ōdi ›öde‹ bereitet nur wenige Schwierigkeiten. Es hat in den germanischen Sprachen Verwandte in gotisch auþ[ei]s, altenglisch īeþe und altisländisch auðr. Auch die Weise der Bildung ist unproblematisch. Es ist eine Ableitung mit dem Suffix urgermanisch *‑þ(i)i̯a-, ein Suffix, das Ableitungen von Raumadverbien bildet. Die Ableitungsbasis ist ein sonst im Germanischen nicht belegtes Adverb *au̯ ›weg‹. In den anderen indogermanischen Sprachen ist dieses Wort demgegenüber gut bezeugt. Es findet sich in altindisch ava-, altavestisch auuā, jungavestisch auua, griechisch αὖ, lateinisch, litauisch, lettisch au- und altkirchenslavisch u-. Sämtliche Formen führen auf urindogermanisch *h2eu̯ - ›weg‹ zurück.

Nun findet sich unter den vielen in lateinischen Inschriften belegten Matronenbeinamen, die teils germanischer, teils auch keltischer Herkunft sind, siebzigmal der Name Aufaniae.4 Bis vor kurzem war dieser Name nicht etymologisiert. Die vorgeschlagenen Verbindungen, einerseits mit dem Völkernamen der Ubier (lat. Ubii) kamen aus lautlichen Gründen ebenso wenig in Frage wie die Annahme eines Präfixes *ūf‑ ›auf‹. Nach einer neueren Analyse ist nun die Wortbildungsfuge zwischen Au‑ und ‑faniae. Das Hinterglied ‑faniae ist dabei zu urgermanisch *fani̯ a- ›Sumpf‹ zu stellen, ein im Germanisch weit verbreitetes Wort, das als gotisch fani, althochdeutsch fenna, fennī, altsächsisch fenni, altenglisch fen(n), altfriesisch fenne und altisländisch fen bezeugt ist. Auch in Ortsnamen findet es sich häufig, etwa in Haduveni (aus dem neunten Jh.), in Sutfeno (anno 1053; jetzt Zutphen), Noordveen und Grossefehn. Im Altisländischen bezeichnet Fensalr ›Moor-Saal‹ den Wohnsitz der Göttin Frigg. Aber auch in dem bei Prokop bezeugten erulischen Personennamen Φανίθεος ›Sumpf-Diener‹ ist es erhalten. Da die Matronenbeinamen häufig von Toponymen abgeleitet sind, ist diese Deutung des Elements sachlich gerechtfertigt. In Au- wäre schließlich das Grundwort von althochdeutsch ōdi ›öde‹ zu sehen, also das sonst im Germanischen nicht weiter belegte Element *au̯ - ›weg‹. Dass solche ursprünglichen Adverbien als Präfixe verwendet werden konnten, zeigt lateinisch au-, etwa in auferre ›wegnehmen‹. Es ist also anzunehmen, dass das Präfix *au̯ - auch im Germanischen vorhanden war und erst nach dem zweiten Jahrhundert vor dem Einsetzen der literarischen Überlieferung ausgestorben ist. Der Matronenbeiname ist dabei als ›die zum abgelegenen Fenn Gehörende‹ zu interpretieren.

3. Althochdeutsch mahal ›Gerichtsstätte, Versammlung, Vertrag‹ und lateinisch-germanisch Mahalinehae bzw. -mellae

Die germanischen Sprachen kennen bei den urindogermanischen Tenues *p, *t, *k eine doppelte Vertretung im Inlaut: Einerseits und mehrheitlich sind die Fortsetzer im Urgermanischen die stimmlosen Laute *f, und , andererseits und seltener dagegen die stimmhaften Laute , und . Dieses Nebeneinander, besser bekannt als das Verner’sche Gesetz (benannt nach seinem Entdecker, dem Dänen Karl Verner), ist das Resultat der unterschiedlichen urindogermanischen Akzentstelle. Stand der Akzent unmittelbar vor den urindogermanischen Tenues entstanden die urgermanischen stimmlosen Laute, stand der Akzent demgegenüber nicht unmittelbar vor ihnen, entstanden die entsprechenden stimmhaften Laute.

In dem Standardwerk zum Verner’schen Gesetz im Germanischen von Stefan Schaffner wird unter den Beispielen auch urgermanisch *maþla- neben *malla- < *mađla- ›Versammlungsort; Rede‹ aufgeführt.5 Urgermanisch *maþla- wäre nach ihm fortgesetzt in gotisch maþl* ›Versammlungsort, Markt‹.6 Verbaut findet sich das Wort auch in langobardisch gamahal ›Eideshelfer‹. Die Lautfolge -hal- im Althochdeutschen, Altsächsischen und Langobardischen, die einen Sprossvokal -a- enthält, lässt sich dabei aus einem westgermanischen Lautwandel *-þl- zu *-χl- in den Kasus obliqui erklären. Der nämliche Lautwandel ist in althochdeutsch bīhal ›Beil‹ < *bīþl- belegt. Das Alter dieses Lautwandels war lange Zeit unbekannt. Nun gibt es einen Matronenbeinamen Mahalinehae, der von Schaffner als nicht zugehörig betrachtet wird. Der Grund ist, dass nach seiner Meinung ein vor l im Westgermanischen geminiert, also verdoppelt wird. Wenn also bereits in vor-westgermanischer Zeit ein χ entstanden wäre, hätte dies nach ihm zu voralthochdeutsch **maχχla-, nicht *maχla- geführt. Schaffners Gründe sind jedoch nicht stichhaltig. Denn einerseits werden vor *‑l- nur die germanischen Laute *p, *t und *k verdoppelt, andererseits zeigt die Schreibung Mahalinehae bereits einen Sprossvokal. Das heißt, die Laute χ und l stehen nicht in unmittelbaren Kontakt. Der Matronenbeiname Mahalinehae kann somit problemlos zu althochdeutsch mahal gestellt werden und der Lautwandel von *-þl- zu *-χl- ist vor dem zweiten Jh. n. Chr. anzusetzen.

Verfolgen wir Schaffners Analyse des Wortes althochdeutsch mahal weiter, so liegt urgermanisch *malla- (< *mađla-) vor in fränkisch-lateinisch mallus, mallum ›Gerichtsstätte, Termin‹ (vgl. ebenfalls das Kompositum mallobergus ›Malberg, Gerichtsstätte‹ und die Ableitung mallare ›vor Gericht laden‹) sowie in altschwedisch und altnorwegisch mall ›Rede, Sprache‹.

Es stellt sich jedoch die Frage, ob diese Interpretation der Faktenlage gerecht wird. Nicht berücksichtigt hat Schaffner nämlich die Namen zweier germanischer Göttinnen, die in lateinischen Inschriften belegt sind, nämlich Fledimellae (Dat. Sg.; Vechten) und deae Harimellae (Dat. Sg.; Birrens beim Hadrianswall [England]).7 Die jeweiligen Erstglieder sind klar: Fledi- ist auf urgermanisch *flēđi- ›Schönheit, Sauberkeit‹ (fortgesetzt in althochdeutsch -flāt, mittelhochdeutsch vlāt und altenglisch -flæd, -flēd) zurückzuführen und Hari- auf urgermanisch *χari̯ a- ›Heer‹ (fortgesetzt in althochdeutsch, altsächsisch heri, gotisch harjis, altenglisch here und altisländisch herr). Für das Zweitglied -mella* gab es lange Zeit mehrere Deutungsvorschläge, von denen sich aber keine entscheidend hat durchsetzen können. So hatte Förstemann in seinem Altdeutschen Namenbuch das Lemma unter MALV eingeordnet, welches er zu got malwjan ›zermalmen‹ stellte. Much erinnerte demgegenüber an den altnordischen Personennamen Mjǫll und den identischen Substantiv mjǫll ›Neuschnee‹. Schröder hatte auf den Ortsnamen Harimalla ›Heerversammlung‹ hingewiesen. Dagegen hatte Much eingewandt, dass die Differenz zwischen e und a für die Deutung problematisch sei, da eine Ablautform *meþla- , *mella- neben *maþla-, *malla- nicht erwiesen werden könne. Auch sei die Bedeutung ›Versammlung‹ bei dem Namen Fledimella unwahrscheinlich, und dieser sei sicher nicht von Harimella zu trennen.

Nun werden bei Ammianus Marcellinus zwei Franken, die Mallobaudes heißen, erwähnt. Zwei Handschriften aus dem neunten Jahrhundert kennen beide Namen auch mit Mello-. Das -e- ist dem romanischen Übergang von a zu e zuzurechnen. Genau derselbe Name erscheint in einer Inschrift zu Poitier aus dem 7. Jahrhundert in der Grabkapelle eines Abtes als MELLEBAVDI (Dat. Sg.), wozu als Nom. Sg. Mellebaudis anzusetzen ist. Da der Name der Bataver in einer Inschrift aus dem 1. Jh. n. Chr. als Betavos erscheint, in einer undatierten Inschrift als Betav/, ist der Übergang von a zu e also bereits für diese Zeit anzunehmen. Mello- ist somit lediglich eine vulgärlateinische Substitution für Mallo-. Derselbe Vorgang ist auch bei Fledimella und Harimella anzunehmen. Dieselbe romanische Substitution wird dabei auch für die Schreibung -ll- anstelle von -þl- verantwortlich sein. Denn eine innergermanische Assimilation von *-đl- zu -ll- ist in dieser frühen Zeit kaum anzunehmen. Das heißt jedoch, dass auch fränkisch-lateinisch mallus, mallum ›Gerichtsstätte, Termin‹ als vulgärlateinische Schreibung zu erklären ist.

Es bleibt somit für den Ansatz einer urgermanischen Form *mađla- lediglich altnorwegisch und altschwedisch mall. Und auch diese Wörter können anders erklärt werden, wenn man berücksichtigt, dass die altnorwegische Schreibung unter Einfluss des Altschwedischen zustande gekommen sein kann. Im Altschwedischen kann nach einem stark nebentonigen Vokal ein einfacher Konsonant geminiert werden, ein Vorgang, der zumeist im Kompositionshinterglied stattfindet. Dieser Wandel kann zwar durch den Anschluss an das Simplex verhindert werden, die geminierte Form kann sich aber ebenfalls aus dem Kompositum loslösen und sich neben die lautgesetzliche Simplexform stellen. So mag sich mall etwa aus dem Kompositum giptarmall ›Heirat‹ losgelöst haben. Der Ansatz einer Verner‹schen Variante urgermanisch *mađla- ist daher kaum gerechtfertigt.

Schließlich ist auch die Etymologie von urgermanisch *maþla- umstritten. Der heute kaum mehr vertretenen Auffassung nach liegt eine Ableitung eines Verbs der Bedeutung ›messen‹, entweder urindogermanisch *meh1- oder *med-, vor, so dass als Vorform entweder *mh1-tlo- oder *mod-tlo- anzunehmen sei. Demgegenüber geht man heute in aller Regel von einer Ableitung des Verbs urindogermanisch *mad-rijan</span> (auf deeffen‹ aus (also von einer Vorform *mad-tlo-), da dies semantisch wahrscheinlicher wäre.8 Ein Versammlungsort sei ja der Platz, an dem man sich trifft, wo man sich entgegentritt. Jedoch ist eine Ableitung von einem Verb mit der Bedeutung ›messen‹ nicht so abwegig, wie es womöglich den Anschein hat. Der lateinische Schrifsteller Tacitus berichtet in seiner Germania im elften Kapitel über die Versammlungen bei den Germanen: coeunt, nisi quid fortuitum et subitum inciderit, certis diebus, cum aut inchoatur luna aut impletur. nam agendis rebus hoc auspicatissimum initium credunt. nec dierum numerum ut nos, sed noctium computant: sic constituunt, sic condicunt ›man versammelt sich, außer es sollte etwas Unerwartetes und Unvermutetes vorgefallen sein, an festgesetzten Tagen, wenn der Mond entweder neu wird oder sich rundet. Denn dies halten sie für den glücklichsten Zeitpunkt, eine Unternehmung zu beginnen. Dabei berechnen sie nicht wie wir die Anzahl der Tage, sondern der Nächte: auf diese Weise beraumt man Termine an, auf diese Weise setzt man sie fest‹. *maþla- wäre demnach der Ort, wo man sich aufgrund eines errechneten festgesetzten Termins trifft.

4. Althochdeutsch garo ›bereit(et)‹ und runisch karuR

Das althochdeutsche Adjektiv garo ›bereit(et)‹ findet in den west- und nordgermanischen Sprachen Entsprechungen: altsächsich garu, altniederfränkisch garo, altenglisch gearo, gearu, altisländisch gǫrr. Aus den in den Einzelsprachen belegten Formen kann die urgermanische Vorform nicht mit Sicherheit erschlossen werden. Denn sowohl der Ansatz als *ǥazu̯ a- als auch als *ǥazu̯ a- ist denkbar, da in den West- und Nordgermanischen Sprachen ein urgermanisches *-z- zu -r- wird. Die weitere Etymologie des Wortes ist umstritten. Semantisch sehr überzeugend ist ein Vorschlag, der von urgermanische *ǥazu̯ a- ausgeht. Dieser Vorschlag sieht eine lautliche Entsprechung in tocharisch A kāsu ›gut‹. Beide Wörter würden demnach auf urindogermanisch *ghas-u̯ ó- zurückgehen.9 Nun ist jedoch, was bisher von fast allen übersehen wurde, das Wort auch in einer altschwedischen Runeninschrift überliefert, nämlich auf dem Stein von Rök, geschrieben als karuR. Da in diesem Schriftsystem kein Unterschied zwischen Tenues und Mediae gemacht wird, kann diese Schreibung problemlos als garuR gelesen werden. Die Endung -uR geht dabei auf urgermanisch *‑u̯ az mit bereits synkopierten -a- zurück. Wie nun die unterschiedlichen Runenzeichen deutlich beweisen, kann karuR nicht auf urgermanisch *ǥazu̯ a- zurückgehen. Denn die Form urgermanisch *ǥazu̯ az hätte dann als **kaRuR realisiert werden müssen. Die Schreibung mit -r- zeigt vielmehr eindeutig, dass die Vorform nur *ǥaru̯ a- gewesen sein kann. Die Verbindung mit tocharisch A kāsu ›gut‹ – wie ansprechend auch immer aus semantischer Sicht – muss daher fallen gelassen werden.

5. Althochdeutsch hengist ›verschnittenes Pferd, Wallach‹ und runisch hahai

Auch das althochdeutsche Wort hengist ›verschnittenes Pferd, Wallach‹ hat in den anderen west- und nordgermanischen Sprachen Entsprechungen, vgl. altsächsich (in Ortsnamen) Hengist- (in Hengistbeki), mittelniederländisch henxt, altfriesisch hengst, hangst, hingst und altenglisch hengest. Die Formen gehen auf urgermanisch *χangista- zurück. Daneben stehen Formen, die das Ergebnis des Verner’schen Gesetzes aufweisen: runen-schwedisch histR, altisländisch hestr und altschwedisch hæster, hēster, die auf urgermanisch *χanχista- führen. Es handelt sich um einen substantivierten ursprünglichen Superlativ ›am bes- ten Springender (Schnellster)‹ mit Suffix urgermanisch *-ista- (vgl. zu solchen Substantivierungen etwa gotisch sinista* ›Ältester‹). Der zugrundeliegende Positiv des Adjektivs findet sich unmittelbar in litauisch sankùs ›schnell, flink‹. Die Ableitungsbasis ist wohl ein Nasalpräsens *k̂ h2-n-k- zur Verbalwurzel urindogermanisch *k̂ eh2k- ›springen‹, das in litauisch šókti ›springen, tanzen; sich machen an‹ und lettisch sâkt ›anfangen, beginnen‹ fortgesetzt ist. Nun findet sich jedoch in der Runeninschrift von Möjbro eine Dativ-Singular-Form hahai in der Folge anahahaislaginaz. Zusammen mit der Bilddarstellung auf dem Stein, die einen Reiter auf einem Pferd darstellt, lässt sich die Folge problemlos als ana hahai slaginaz analysieren und mit ›auf dem Hengst erschlagen‹ interpretieren. In hahai liegt somit das ebenfalls substantivierte Adjektiv vor, das die Basis für die Superlativbildung urgermanisch *χangista- gewesen ist. Daneben erscheint das Element ebenfalls in der Personennamengebung, so in vor-althochdeutsch Hāhwā̌ r auf der Gürtelschnalle von Weimar; ca. 550 und in dem burgundischen Namen (im Genitiv Singular) Hanhavaldi.

6. Kontinuitäten in der germanischen Personennamengebung

Ein kurzer Blick sei abschließend auf die im Etymologischen Wörterbuch des Althochdeutschen nicht aufgenommenen Personennamen gestattet. Die ältesten Runeninschriften bieten nämlich der Textsorte entsprechend überproportional viele Personennamen. Auffällig ist, dass die Zahl der komponierten Namen seltener ist als erwartet. Viel häufiger treten einstämmige Namen auf, die, von der Bedeutung her, zumeist nur als Beinamen gewertet werden können. Viele dieser schon früh bezeugten Namen finden sich nun auch in althochdeutscher Zeit.

So lässt sich etwa harja auf dem Kamm von Vimose aus dem zweiten Jh. n. Chr. als Ableitung mit dem Individualisierungen bildenden Suffix urgermanisch *-n- von urgermanisch *χari̯ a- ›Heer‹ erklären. Entsprechungen hierzu finden sich nicht nur auf einer weiteren Runeninschrift als harijan (auf dem Stein von Skåäng; ca. 500), sondern ebenfalls in althochdeutsch Herio 802 und altsächsisch Herio.

Ein weiterer Beiname erscheint auf dem Schildfesselbeschlag von Illerup Ådal 1 um 200 n. Chr., nämlich swarta. Es ist ebenfalls eine Ableitung mit dem Individualisierungen bildenden Suffix *-n- von urgermanisch *su̯ arta- ›schwarz‹. Auch dieser Beiname hat vielfache Entspechungen, so in einer englischen Runeninschrift auf dem Steinkreuz von Andreas II (Isle of Man) suarti, aber auch in althochdeutsch Swarzo, genau so wie in altisländisch Svarti, altdänisch und altschwedisch Swarte.

Auf der nicht vollständigen Inschrift auf einem Messerschaft von Kragehul (nicht sicher datiert) lässt sich zweifelsfrei auch die Folge bera identifizieren, die sicher als Beiname anzusehen ist. Es liegt wiederum eine Ableitung mit dem Suffix *-n- von urgermanisch *ƀera- ›braun‹ vor, also wie bei swarta eine Farbbezeichnung, die zu einem Beinamen wurde. Entsprechungen finden sich in althochdeutsch Bero, altschwedisch Bæri, Biere und altdänisch Biari.

7. Schlussfolgerung

Die Beispiele sollten zeigen, dass die früheste germanische Überlieferung, ob eigenständig oder in der lateinisch-griechischen Nebenüberlieferung, einen wichtigen Beitrag zum Etymologischen Wörterbuch des Althochdeutschen zu leisten vermag. Die Vernachlässigung dieses Materials, wie es in etymologischen Wörterbüchern zum Germanischen meist der Fall ist, ist daher nicht zu rechtfertigen. Diese wenigen frühgermanischen Zeugnisse vermögen nämlich, so sporadisch sie auch sind, eine wichtige Lücke zwischen den germanischen Einzelsprachen und den anderen indogermanischen Sprachen zu schließen.

  1. 1Vgl. stellvertretend Rosemarie Lühr,Expressivität und Lautgesetz im Germanischen, Heidelberg 1988, S. 111.
  2. 2Vgl. Norbert Wagner, »Cambra«, in Beiträge zur Namenforschung. Neue Folge 18 (1983), S. 71–72.
  3. 3Vgl. Lühr,Expressivität (s. Fn. 1), S. 111.
  4. 4Zum Folgenden vgl. Günter Neumann, »Die germanischen Matronen-Beinamen«, in Gerhard Bauchhenß und Günter Neumann, Hg.,Matronen und verwandte Gottheiten, Köln/Bonn 1987, S. 102–132, hier S. 114–115.
  5. 5Stefan Schaffner,Das Vernersche Gesetz und der innerparadigmatische grammatische Wechsel des Urgermanischen im Nominalbereich, Innsbruck 2001, S. 243–246.
  6. 6Nur Markus. 7,4 [Dat. Sg.]af maþla ›vom Markt‹; Ableitungen von dem Substantiv liegen vor in maþljan ›reden‹ (dazu das Verbalabstraktum maþleins ›Rede(weise)‹), -maþli (in fauramaþli ›Oberbefehl‹) und -maþleis (in fauramaþleis ›Vorsteher, Gebieter‹), althochdeutsch mahal ›Gerichtsstätte, Versammlung, Vertrag‹ (davon abgeleitet mahalen ›ein Übereinkommen treffen‹ [gimahalen ›verloben‹], mahalon ›anklagen‹, mahali ›Anklage, Beschuldigung‹), altsächsisch mahal ›Gericht(sversammlung); Rede, Lehre‹ (davon abgeleitet mahlian ›reden‹), altenglisch mæðel, meðel neben mæl ›Versammlungsplatz, Versammlung, Rede‹ (davon abgeleitet mæðlan, meðlan ›reden‹) und altisländisch mál, altschwedisch mal ›Versammlung, Verabredung; Sprache, Rede‹ (davon abgeleitet mǽla ›reden, sprechen‹).
  7. 7Vgl. hierzu Norbert Wagner, »Fledimella*, Harimella* und Baudihillia*«, in Historisches Sprachwissenschaft 115 (2002), S. 93–98.
  8. 8Vgl. u. a. Antje Casaretto,Nominale Wortbildung der gotischen Sprache. Die Derivation der Substantive, Heidelberg 2004, S. 405.
  9. 9Vgl. Rosemarie Lühr,Die Gedichte des Skalden Egill, Dettelbach 2000, S. 200.
loading ....
Heft 2 (2009)
Beiträge Diskussionen Berichte & Notizen

Logo der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig Sächsische Akademie
der Wissenschaften

ISSN:
1867-7061

Alle Artikel sind lizensiert unter:
Creative Commons BY-NC-ND

Gültiges CSS 2.1
Gültiges XHTML 1.1